Eine spannende Geschichte

Jeder spricht von Industrie 4.0, aber was war mit Industrie 1.0 oder was verbirgt sich hinter Industrie 3.0? Was haben diese Revolutionen mit den Gesellschaften der jeweiligen Zeit gemacht? Warum sind Gewerkschaften entstanden? Was brauchen wir als Menschen und als Zahntechniker/-in heute? Um ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge zu bekommen, lohnt ein Blick in die Geschichte und in das, was uns erwartet.
Versetzen wir uns zurück ins 18. Jahrhundert: Mobil war nur, wer gut laufen konnte, über ein Pferd oder eine Pferdekutsche oder an Wasserläufen über ein Boot oder Schiff verfügte. Reisen war unbequem, langwierig und für die wenigsten Leute möglich.
So verwundert es nicht, dass bis dahin für die meisten Menschen Wohnung und Arbeitsplatz zwangsläufig nahe beieinander liegen musste. Doch die Verhältnisse im ländlichen Raum und auch in den Städten waren nicht gerade einfach. Auf dem Land waren die Bauern noch bis ca. 1800 Leibeigene. Zahlreiche Aufstände wurden bis dahin blutig niedergeschlagen und viele verloren ihr Leben. Dagegen gab es in den Städten die strikte Hierarchie der verschiedenen Stände. Das Handwerk war straff in Zünften organisiert und diese finden in den heutigen Innungen ihre modernen Nachfolger. Nicht jedes Handwerk war damals gleich anerkannt, so waren z.B. die Schäfer, Müller, oder Barbiere als „unehrliche“ Handwerke (der Scharfrichter sowieso) verrufen und waren am Rande der Gesellschaft meist in großer Not.

Nur mit viel Glück und harter Arbeit wurden die Menschen satt. Als Bauernhöfe nur noch an die ältesten Söhne weitervererbt werden durften, um eine weitere Zersplitterung der Ackerflächen zu verhindern, zogen viele junge Männer in die Städte. Hungersnöte durch Missernten zwangen noch mehr Menschen, ihr Glück in den Städten zu suchen. Viele wanderten aus nach Amerika, andere schickten ihre Kinder weg, damit weniger Esser am Tisch saßen.

Die 1. industrielle Revolution: Dampfmaschine
Findige Tüftler hatten schon in den letzten Jahrhunderten immer wieder Versuche unternommen, Maschinen zu bauen. Die meisten davon sind in Vergessenheit geraten, das Leben ging wie gewohnt voran. Nachdem es 1769 James Watt in England mit der Erfindung der ersten neuartigen Dampfmaschine gelang, die Produktionsabläufe zu revolutionieren, wurden in großen Spinnereien und Webereien bald massenhaft Stoffe produziert. Die ersten Lokomotiven wurden gebaut und das Wissen kam schnell auch aufs Festland.

Schon 1835 wurde die erste Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet und innerhalb weniger Jahre ein ganzes Schienennetz durch das Deutsche Reich gezogen, das zu dieser Zeit noch aus vielen Einzelstaaten bestand. Unmengen an Stahl wurden gebraucht, um Schienen, Züge, Lokomotiven, Brücken, Tunnel oder Fabrikanlagen zu bauen. Das Ruhrgebiet verwandelte sich in eine große Zeche, sodass Arbeiter aus Polen und Italien schon damals angeworben wurden. Die neue Mobilität der Menschen brachte große gesellschaftliche Veränderungen mit sich: weiter entfernte Arbeitsplätze konnten mit dem Zug erreicht werden, der Handel wurde erleichtert und der Grundstein zum Tourismus war gelegt.

Die 2. industrielle Revolution: Fließbandarbeit
Elektrizität musste nicht erst erfunden werden, die gab es schon immer und ist ein Naturphänomen. Schon die alten Griechen erkannten dies und experimentierten mit dem Reiben von Stoffen an Bernstein, der sich elektrostatisch auflud. Selbst der Name „Elektrizität“ leitet sich davon ab, so ist Elektron der griechische Name von Bernstein. Den Durchbruch in der Nutzung dieser Energie schaffte Werner von Siemens 1866 mit seiner Erfindung der Dynamomaschine. Durch den Einsatz von elektrischer Energie vervielfachte sich die Geschwindigkeit technischer Erneuerungen. Bald waren Telegrafen, elektrische Straßenbeleuchtungen, die ersten Telefone, Straßenbahnen und Automobile im Einsatz. Massenware wurde produziert, die verkauft werden wollte. Damit dies gelang, wurden neuartige Werbestrategien entwickelt, deren Relikte, wie z.B. die Litfaßsäule, wir noch heute kennen.
Die Arbeitsverhältnisse änderten sich radikal. An Fließbändern wurde Arbeit aufgeteilt, ungelernte Arbeitskräfte schufteten in Fabriken für Hungerlöhne, auch Kinderarbeit war weit verbreitet. Unter unvorstellbaren Arbeitsbedingungen wurden gewaltige Mengen an Rohstoffen zu Produkten verarbeitet, die Fabrikanten unglaublich reich machten. Arm und Reich gab es schon immer, doch nun war eine eigene Gesellschaftsschicht aus dem riesigen Heer der Arbeiter/-innen entstanden, das Karl Marx als „Prekariat“ bezeichnete. Das bedeutet, dass die Menschen keinerlei Sicherheiten hatten. Wer sich verletzte oder krank wurde, verlor sein Einkommen und oft seine Lebensgrundlage.
Ungefähr 1840 begann bereits die Solidarisierung der Arbeitnehmer. Es gab organisierte Streiks und erste Gewerkschaften formierten sich daraus. Sie forderten Mindestlöhne, eine staatliche Arbeitslosenunterstützung und die Organisation der Arbeitsvermittlung durch lokale Gewerkschaftsverbände. Dies war der Anfang einer menschlicheren Arbeitswelt, den es ohne diese gelebte und organisierte Solidarität so nicht gegeben hätte. Schon nach der Revolution von 1848/49 wurden Gewerkschaften jedoch wieder verboten. Deutschland war noch immer ein Puzzle von einzelnen Staaten, Königreichen oder Fürstentümern, deshalb war bei der Uneinigkeit darüber wie mit den Arbeiter/-innen umgegangen werden sollte, eine gemeinsame Gesetzgebung schwierig.

Kurz danach gab es dennoch erste Regelungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Doch ging es nicht darum, das Leben der Menschen zu verbessern, sondern es gab zu viele Kranke und Unterernährte, die für den Militärdienst und die Polizei nicht einsetzbar waren. 1871 wurde Otto von Bismarck Reichskanzler im ersten deutschen Kaiserreich. Er war ein entschiedener Gegner von Gewerkschaften, doch musste er 10 Jahre später (1881) dennoch erste moderne Sozialgesetze einführen. Die Arbeiterbewegung wurde trotz Verbote durch die immer größere Ausweitung der Industrie und die gewonnene Mobilität der Eisenbahn immer stärker und ließ sich nicht mehr komplett unterdrücken.
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs nach dem ersten Weltkrieg wurde die erste Demokratie in Deutschland gegründet, die Weimarer Republik. In deren Verfassung gab es Gesetze, die die Rechte der Arbeiter/innen umfassend schützten. Auch das Wahlrecht für Frauen wurde in dieser Zeit beschlossen.
Im Dritten Reich wurden Gewerkschaften wieder verboten und die meisten Arbeitsschutzgesetze wieder abgeschafft. Gewerkschafter wurden verfolgt, eingesperrt und umgebracht. Schon 1933 wurden die Gewerkschaftshäuser von der SA besetzt und das Vermögen an die Deutsche Arbeiterfront DAF übertragen.
Trotz der Repressalien bestand im Untergrund ein europaweites Netzwerk, sodass nach dem 2. Weltkrieg, als Gewerkschaften wieder erlaubt waren, schnell eine Reorganisation stattfand. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) wurde bereits am 18. März 1945 in Aachen gegründet, also mehrere Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs und wurde später die Arbeitnehmervertretung in der DDR. In den westlichen Besatzungszonen gründeten sich sofort nach dem Krieg viele kleine Einzelgewerkschaften, die sich 1949 zum Deutschen Gewerkschaftsbund zusammenschlossen.

 

SPECIAL

Verband medizinischer Fachberufe e.V.

Referatsleitung Zahntechnik

Karola Krell
Walchenseestr. 5b
86179 Augsburg
Fon +49 821 79624049
Fax +49 821 40896019
kkrell@vmf-online.de
Ihre Aufgaben heute wie damals sind, sich für Arbeitnehmerinteressen einzusetzen:
• Menschenwürdig arbeiten und leben
• Sicherung der Einkommen (Tarifpolitik)
• Arbeitszeiten
• Arbeitsschutz
• Mehr Mitbestimmung im Betrieb
• Absicherung von Risiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter
• Aus-, Fort und Weiterbildung
• Gewerkschaften erfüllen das Modell des demokratischen Sozialstaates mit Leben
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Die 3. industrielle Revolution: Automatisierung und Vernetzung
Flower-Power, die Anfänge der Friedensbewegung und der Anti-Atomkraftbewegung prägten die Zeit der 1970er Jahre, im Fernsehen lief die Muppet-Show. Bis Anfang des Jahrzehnts brummte die Wirtschaft, der Wohlstand im Westen wuchs beständig, die Gewerkschaften waren mächtig wie nie zuvor. Aber dennoch brauchten Ehefrauen in der alten BRD bis 1977 die Erlaubnis ihrer Männer, wenn sie arbeiten wollten.
In der DDR löste 1971 Erich Honecker Walter
Ulbricht ab. Durch eine neue Sozialpolitik steigerte sich auch dort der Lebensstandard der Bevölkerung, wenn auch in bescheidenem Maße.
Im Westen trafen mehrere Faktoren zusammen, die nachhaltige Veränderungen mit sich brachten. Der Markt war übersättigt und die Abhängigkeit von Energie wurde empfindlich spürbar. Die BRD erlebte 1973 die erste Ölkrise mit autofreien Sonntagen und durch die „3. industrielle Revolution“ (die damals noch gar nicht so hieß), kam es im Laufe der nächsten Jahrzehnte immer häufiger zu Massenentlassungen. Die Entwicklung von Computer­technik und Mikroprozessoren erlaubten eine weitreichende Automatisierung der Fertigung. Diese war billiger und effizienter als menschliche Arbeiter/-innen und so wurden Arbeitsplätze in großem Ausmaß vernichtet.
Andere mussten sich in ihren Arbeitsprozessen komplett umstellen. Ingenieure konstruierten nicht mehr am Reißbrett, sondern mit modernen CAD Programmen. Ganze Berufszweige veränderten sich in dieser Zeit, manche, wie z.B. die Schriftsetzer, brauchte man nicht mehr, Industrieroboter übernahmen die Fertigungsprozesse in vielen Bereichen. Andererseits gab es weniger Staub und Dreck in den Fabrikhallen und es entstanden neue, qualifiziertere Arbeitsplätze. Es gab Gewinner und Verlierer… Die Gewerkschaften dieser Zeit setzten sich verstärkt für mehr Mitbestimmung in den Betrieben ein, die Ausbildung sollte gestärkt und die Menschen durch die Einführung neuer Technologien nicht benachteiligt werden.

Die 4. industrielle Revolution – das Internet der Dinge
Und nun stehen wir mitten in der 4. industriellen Revolution, Industrie 4.0, Internet der Dinge oder digitale Transformation genannt. Noch 1995 war Bill Gates davon überzeugt, dass das Internet nur ein Hype wäre. Heute ist jeder Bereich unseres Lebens betroffen. Daten und Datenverarbeitung bestimmen unseren Alltag, privat, beruflich, zu jeder Zeit und – fast – ortsunabhängig.
In der Zahntechnik hatte sich bis Anfang der 2000er Jahre kaum etwas an den Fertigungsprozessen verändert. 2003 wurde Zirkonoxid noch händisch am Pantographen gefräst, wenig später waren erste taugliche Scanner und Fräsmaschinen auf dem Markt. Von IDS zu IDS entwickelt sich der technische Fortschritt schneller, der digitale Workflow ist in vielen Laboren und Praxen Arbeitsalltag. Dennoch brauchen wir in der Zahntechnik weiterhin zusätzlich das analoge Wissen, um hochwertigen Zahnersatz patientengerecht herzustellen. Die Kombination aus Handwerk und moderner Technologie macht unseren Beruf hiermit noch attraktiver.
Aber Industrie 4.0 soll noch viel mehr sein: In der Produktion träumt man von einer intelligenten selbstorganisierenden Fabrik, die durch ihre hohe Flexibilität und den effektiven Einsatz von Ressourcen ganze Wertschöpfungsprozesse ändert. Eine Verschmelzung von physischer und digitaler Welt soll es ermöglichen, die Produktion in kurzer Zeit auf beliebige Produkte umzustellen.
Wir stehen in der digitalen Transformation noch am Anfang und viele Fragen sind offen. Wohin entwickelt sich unser Leben, unser Berufsalltag? Wie werden wir fit für die neuen Anforderungen? Wo bleibe ich als Mensch mit meinen Fähigkeiten? Braucht man mich später überhaupt noch, kann ich in 15 Jahren weiterhin meinen Lebensunterhalt verdienen, wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?
Zuverlässige Antworten kennen wir nicht. Aus der Geschichte wissen wir jedoch, dass neben der eigenen Flexibilität und Lernbereitschaft starke Gemeinschaften und Interessensvertretungen hilfreich sind, um den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft gemeinsam zu begegnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir gut organisiert und vernetzt sind. Das ist nicht nur bedeutungsvoll für unser Handwerk, sondern für jeden einzelnen. Wir, deine Berufsvertretung und Gewerkschaft, lassen dich nicht im Stich, zeig auch du deine Solidarität. Mehr Infos findest du unter www.vmf-online.de oder schreib mir einfach.

Karola Krell
Referatsleitung Zahntechnik,
Verband medizinischer Fachberufe e.V.