freepik.com/ pikisuperstar

Zahntechnik im Wandel? Ja, wenn alle mitziehen!

Ein Beitrag von Markus Lensing

Um mit einem Märchen mal gleich vorweg aufzuräumen: Die Ausbildungszahlen im Zahntechniker-Handwerk sind seit 2009 kaum sinkend. Wir reden über 0,7% und 0,5% Verlust in den Jahren 2017 und 2018. Das deckt sich fast mit der sinkenden Zahl an Ausbildungsbetrieben. Für das Albrecht-Dürer-Berufskolleg in Düsseldorf kann ich seit 2017 gleichbleibende Schüler/-innenzahlen im Zahntechnikerhandwerk feststellen. Immer mehr Labors beklagen allerdings zu wenige oder zu wenig qualifizierte Bewerber/-innen für eine Ausbildungsstelle im Zahntechnikerhandwerk.

Zusammen mit meinen persönlichen Erfahrungen mit über 100 Azubis pro Jahrgang in Albrecht-­Dürer-Berufskolleg wird deutlich: Die Labore müssen sich der großen Verantwortung gegenüber einer Auszubildenden bzw. einem Auszubildenden bewusst sein oder werden. Natürlich gilt das auch für die Berufsschulen, die ihren Unterricht und ihre Ausstattung modernisieren müssen.

Dazu muss ich auch im Widerspruch zum Streiflicht von Norbert Wichnalek bemerken: Den Berufsschulen grundsätzlich eine moderne Ausbildung abzusprechen ist nicht in Ordnung. Mein Online-Lehrbuch www.wikidental.de, Video-Tutorials im Unterricht und der Einsatz von Lernmanagementsystemen sowie moderner CAD-Software sind nur einige Beispiele dafür, was Berufsschulen schon heute leisten. Und die fast alle in der Pädagogischen Arbeitsgemeinschaft Zahntechnik organisierten Lehrer/-innen arbeiten hart an der Weiterentwicklung solcher oder ähnlicher Konzepte.

Unhaltbare Zustände in der Ausbildung werden uns Lehrer/-innen leider immer wieder von unseren Schülern/-innen berichtet. Persönliche verbale Beleidigungen, übermäßig viele Botenfahrten, unvergütete Überstunden, nicht wertschätzendes Verhalten der Ausbilder/-innen und das Nichteinhalten der Ausbildungsordnung sind an der Tagesordnung. „Das erste Jahr war ein Horrotripp, weil ich beschimpft, angeschrien und herumkommandiert wurde …“ oder „Nach zehn Wutausbrüchen von meinem Chef … stand ich vor einer Heulattacke …“ sind Berichte von Schülern/-innen unter dem Titel „Ein Jahr Zahntechnik-Azubi – Traumjob oder Horrortrip“. Solche Zustände sind an den Berufsschulen nicht zu finden. Der Großteil der Ausbildung, das Erlernen des handwerklichen Könnens, findet nun mal in den Ausbildungsbetrieben statt. Die Berufsschule unterstützt bzw. ergänzt den beruflichen Kompetenzerwerb mit Fähigkeiten und Wissen.

Es gibt natürlich auch hervorragende Ausbildungsbetriebe mit tollen und verantwortungsbewussten Ausbildern/-innen sowie großzügiger freiwilliger Erhöhung der Ausbildungsvergütung und großzügigen Vertragsangeboten nach dem Bestehen der Abschlussprüfung. Es sind aber aus meiner Sicht leider zu wenige …

Azubizahlen im Zahntechnikerwandel

Wie können die beschriebenen Probleme angegangen werden? Die Ausbildungsvergütung ist zu gering. Sie ist kein Anreiz für Schüler/-innen auf der Suche nach einem Ausbildungsberuf. Beispiele anderer Ausbildungsberufe zeigen das. Maurer bekommen im 1. Ausbildungsjahr 680–760 € im 2. Ausbildungsjahr 900–1200 € und im 3. Ausbildungsjahr 1200–1400 €, Mechatroniker im 1. Jahr 830–930 € im 2. Jahr 910–980 €, im 3. Jahr 970–1060 € und im 4. Jahr 1010–1120 €.
Das Gehalt ist sicherlich nicht der Hauptgrund, weswegen sich ein/e Schüler/-in für die eine oder andere Ausbildung entscheidet – sollte jedoch sie oder er zwischen mehreren Berufen schwanken, wird das Gehalt entscheidend. Es ist nicht sinnvoll, wenn ein Berufsschüler während seiner Ausbildung einen Zweitjob ausüben muss, um evtl. die eigene Miete oder zumindest den Lebensunterhalt bezahlen zu können.

Ein auskömmliches Gehalt muss nach erfolgreich absolvierter Ausbildung locken. Da besteht sicherlich großer Nachholbedarf, der zugegebenermaßen von den Vergütungen für hergestellten Zahnersatz abhängt.
Eine neue moderne Ausbildungsordnung ist außerdem dringend notwendig. Der 1. Dentale Berufsbildungsgipfel in Berlin ist ein guter erster Schritt. Die neue Ausbildungsordnung ist beschlossene Sache! Ob sie allerdings so modern und zukunftsgerichtet wird, wie es zur Attraktivitätssteigerung des Berufs notwendig wäre, entscheiden die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter/-innen in der entsprechenden Kommission. Wir Berufsschullehrer/-innen werden in der parallel laufenden Erstellung des Rahmenlehrplans sicherlich keine deutliche Modernisierung ausbremsen.
Modernere Prüfungen auf dem zukünftig aktuellen Stand der digitalen Zahntechnik sind notwendig. Einzelne Bezirke sind diesbezüglich schon progressiv unterwegs. Auch das hängt an der neu zu erstellenden Ausbildungsordnung und den dazugehörenden Protagonisten (siehe oben).

Eine neue Ausbildungsordnung ist aber nur dann wirkungsvoll, wenn sich auch in den Köpfen aller Beteiligten etwas ändert. Wer die derzeitige Ausbildungsordnung in seinem Betrieb missachtet, wird es auch bei einer neuen Ausbildungsordnung tun. Wer den aktuellen schulischen Lehrplan nicht innerhalb seiner Möglichkeiten modern auslegt, wird dies auch in Zukunft nicht tun.
Liebe Azubis: Auch Ihr könnt zu einer Verbesserung der Ausbildung beitragen. Seid fleißig und interessiert, nutzt die Bildungsangebote … und nehmt euer Leben in die Hand! Fordert eine fundierte Ausbildung nach Ausbildungsordnung ein, wenn euch diese verweigert wird! Fordert eine wertschätzende Behandlung am Arbeitsplatz ein! – Es ist eure Zukunft!

Ich freue mich auf zahlreiches Feedback zu meinen Standpunkten!

STREIFLICHT

Markus Lensing

Markus Lensing

Bildungsgangleiter Zahntechnik

Albrecht-Dürer-Berufskolleg
Städtische Schule der Sekundarstufe II
markus.lensing@schule.duesseldorf.de
www.wikidental.de